Unfreiwillig Single sein: Nähe und Autonomie

Warum habe ich keinen Partner?

Einen Partner oder eine Partnerin zu haben, Geborgenheit und Liebe zu erleben: Das wünschen sich die meisten Menschen. Jemanden, mit dem man das Leben teilen kann: Diese Sehnsucht erfüllt sich nicht immer. Eine grosse Anzahl Männer und Frauen bleiben unfreiwillig allein. Sie fragen sich:

  • Warum finde ich keinen Partner, obwohl ich mir eine Beziehung wünsche?

  • Bin ich nicht attraktiv genug?

  • Sind meine Ansprüche zu hoch?

  • Bin ich nicht beziehungsfähig?

  • Was ist los mit mir?

Viele machen zwar immer wieder neue, vielversprechende Bekanntschaften. Die Anfänge sind oft zauberhaft. Hoffnung keimt auf. Man stellt Gemeinsamkeiten fest, kommt sich näher, verliebt sich und alles könnte gut sein. Doch schon wird es wieder schwierig. Störende Details fallen auf, die tollen Gefühle nehmen ab und rasch ist auch der Gedanke da, es wäre vielleicht besser, Schluss zu machen. Wieder nichts, wieder an den Falschen oder die Falsche geraten. Das kann sich viele Male wiederholen und ist mit der Zeit zermürbend.

Bindungsangst – Bin ich daher Single?

Wenn Beziehungen immer wieder scheitern, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn oft ist da eine innere Ambivalenz: Einerseits sehnen sich die Betroffenen nach Nähe, anderseits haben sie Angst davor. Angst, den Partner wieder zu verlieren. Angst, verletzt zu werden. Enttäuscht zu werden. Verlassen zu werden. Die Psychologie spricht in diesen Fällen von Bindungsunsicherheit oder Bindungsangst. Diese hat viel mit dem Selbstwertgefühl zu tun.

Bindungsangst ist eine Form von Selbstschutz, den die Betroffenen schon sehr früh in ihrem Leben aufgebaut haben. Die Psychologie geht davon aus, dass der Bindungsstil eines Menschen in den ersten 18 Monaten seines Lebens im Kontakt mit seiner primären Bezugsperson, meistens der Mutter, gebildet wird. Dieser Selbstschutz ist äusserst wichtig. Er erlaubt dem Kind, in der Familie, in die es hineingeboren ist, zu bestehen. Der Selbstschutz wird aber auch unbewusst als Prägung ins Erwachsenenalter mitgenommen.

Die Forschung zeigt: Kinder feinfühliger Eltern sind ruhiger und sicher gebunden. Sie sind später weniger aggressiv, weniger abhängig und haben einen höheren Selbstwert.

In vielen Betreuungssituationen gibt es aber Mängel, die sich negativ auf das Kind auswirken können:

  • Geringe Verfügbarkeit der Bezugsperson

  • Ablehnung

  • Ambivalente Zuwendung

  • Distanz

  • Mangelnde Spiegelung

  • Überfürsorge

Es muss nichts Drastisches wie Gewalt oder Vernachlässigung sein. Auch subtilere Verhaltensweisen der Bezugsperson können bei einem sensiblen Kind Bindungsangst auslösen. Es reicht schon, wenn die Mutter die kindlichen Bedürfnisse nicht genügend erkennt, auf diese nicht oder zu wenig eingeht oder wenn sie die Gefühle des Kindes nicht spiegelt.

 

Unfreiwillig Single: Eine Frage des Bindungsstils?

Aus der Forschung sind die folgenden vier Bindungsstile bekannt:

Sicherer Bindungsstil
Ein sicher gebundener Erwachsener kann in Beziehungen seine Bedürfnisse nach Nähe und Eigenständigkeit ins Gleichgewicht bringen. Er ist in der Lage, unterschiedliche Erwartungen in einer Beziehung zur Sprache zu bringen. Eine typische Aussage einer sicher gebundenen Person könnte sein: «Ich fühle mich wohl mit anderen Menschen. Ich fühle mich ihnen nahe. Ich kann mich auf sie verlassen und sie können sich auch auf mich verlassen.» Sicher gebundene Menschen bleiben eher nicht unfreiwillig Single.

Unsicher-vermeidender Bindungsstil
Für unsicher gebundene Menschen bedeutet Nähe ein Risiko, von anderen verletzt oder vereinnahmt zu werden. Diese Personen sind eher Einzelgänger. Sie vermeiden enge Beziehungen und leben daher relativ häufig als Single. Eine typische Aussage ist: «Ich fühle mich ohne enge Bindung wohler. Für mich ist es wichtig, unabhängig zu sein. Ich will auch nicht, dass andere von mir abhängig sind. Das würde mich einschränken.»

Unsicher-ambivalenter Bindungsstil
Erwachsene mit unsicher-ambivalentem Bindungsmuster wagen es meist nicht, sich zu wehren, wenn sie schlecht behandelt werden. Sie klammern sich an andere. Sie haben Mühe damit, um Hilfe zu bitten. Sie können schlecht allein sein. Sie öffnen sich zu schnell und bedingungslos in Beziehungen, fühlen sich oft abhängig und unsicher. Dieser Bindungsstil ist häufiger bei Frauen als bei Männern zu finden. Die Betroffenen sehnen sich nach Autonomie, Selbstsicherheit und Unabhängigkeit. Die folgende Aussage ist typisch für diesen Bindungsstil: «Ich möchte anderen sehr nahe sein. Ohne enge Beziehung geht es mir schlecht. Alleinsein ist für mich schwierig.» Diese Menschen haben eher mehr Mühe als andere, eine längere Beziehung aufrechtzuerhalten, und werden daher immer wieder unfreiwillig Single.

Unsicher-desorganisierter Bindungsstil
Menschen mit diesem Bindungsstil sind häufig emotional instabil. Sie schwanken zwischen Abhängigkeit und Zurückweisung. Es fällt ihnen schwer, eine konstante Beziehung zu führen. Ihre Beziehungen sind von ständigen Konflikten und wiederkehrendem Auf und Ab geprägt. Eine typische Aussage ist: «Ich wünsche mir Nähe, aber ich halte es nicht aus, wenn mir jemand wirklich nahekommt. Ich möchte auf keinen Fall von jemandem abhängig sein, denn ich habe Angst, dabei verletzt zu werden.» Auch dieser Bindungsstil kann dazu führen, dass man unfreiwillig Single bleibt.

Für immer Single – das muss nicht sein!

Der Bindungsstil, der sich bei einem Menschen durch seine Entwicklung herausgebildet hat, hält normalerweise auch im Erwachsenenalter an und zeigt sich in allen Beziehungen, also auch in der Frage, ob man Single ist oder nicht.

Der Bindungsstil ist zwar tief eingeprägt in einem Menschen, aber er ist nicht unveränderbar. Korrekturen sind möglich! Der Stil an sich bleibt, aber es können neue, andere Verhalten dazugelernt werden. Manche Betroffene brauchen für diese Veränderungen fachliche Unterstützung.

Gleichgewicht zwischen Nähe und Autonomie

Dabei geht es darum, die Fähigkeit zu entwickeln, alleine zu sein, ohne sich einsam zu fühlen. Nähe mit anderen zu erleben, ohne die Angst, sich selber zu verlieren. Mit anderen Worten: Auf der Achse zwischen Nähe und Autonomie ein neues Gleichgewicht zu suchen. Das öffnet neue Möglichkeiten, und – wer weiss – auch einen Weg aus dem unfreiwilligen Single-Dasein.

In einem Coaching mit dem Ziel, bindungsfähiger zu werden, steht die Bewusstwerdung im Vordergrund: Was hat mich geprägt? Was bin ich wert? Bin ich liebenswert? In diesen Fragen liegt der Schlüssel für die persönliche Weiterentwicklung.

Das Gefühl, nicht zu genügen, dem Partner etwas Besonderes bieten zu müssen, führt zu Problemen. Das Gefühl, sich in einer Beziehung zu verlieren, die Freiheit zu verlieren, sich verbiegen zu müssen, führt ebenso zu Schwierigkeiten.

Es braucht eine vertiefte Reflexion über die Frage: Was ist mein Bindungsmuster? Was erlebe ich immer wieder in Beziehungen? Wie war das mit meinen Eltern damals?

Es geht also darum, sich der eigenen Prägung bewusst zu werden. Diese Reflexion führt zu einem tieferen Verständnis seiner selbst. Und, mit der Zeit, zu einer Veränderung – und vielleicht gar zu einer stabilen Partnerschaft.